Biodynamic Fruit Production

Biologisch-dynamischer Obstbau

Biologisch-dynamischer Obstbau

Joke Bloksma, März 2010

Biologischer und biologisch-dynamischer (= BD-) Obstbaus kurz zusammengefasst

  • Obst ist eine anfällige Kultur. Die meisten Obstarten werden vegetativ vermehrt. Außerdem wird die Sorte mit dem gewünschten Geschmack mit einer Unterlage kombiniert, die die gewünschte Wuchskraft aufweist. Dies macht Obstarten anfällig für zahlreiche Krankheiten und Schädlinge. In keiner anderen Kultur wird so viel mit Schädlingsbekämpfungsmitteln gespritzt wie im konventionellen Obstbau. Für ökologische Obstbauern stellt dies eine beachtliche Herausforderung dar. Sie dürfen nur eine sehr begrenzte Zahl natürlicher Pflanzenschutzmittel einsetzen, wie Schwefel und Mittel pflanzlicher Herkunft. Im BD-Obstbau ist der Gebrauch solcher Mittel noch weiter eingeschränkt. Dies bedeutet, dass in manchen Jahren die Erträge niedrig sind oder die äußere Qualität zu wünschen übrig lässt.
  • Gleichgewicht zwischen Wachsen und Reifen. Obstbauern bemühen sich darum, Wachstums- und Reifungsprozesse im Obstbaum im Gleichgewicht zu halten. Dies geschieht durch genaue Beobachtung und sorgfältige Kulturmaßnahmen wie die Wahl der Unterlage, Schnitt, Vorbeugemaßnahmen gegen Nachtfrostschäden, Blütenausdünnung, Fruchtausdünnung, Bewässerung, Düngung und Bestimmung des Erntezeitpunktes. Ein Baum, der im Gleichgewicht ist, verbindet einen regelmäßigen Ertrag mit optimaler Qualität. Konventionelle Obstbauern können Zeit sparen, indem sie eine Reihe chemischer Mittel einsetzen, zum Beispiel zur Blütenausdünnung und zum Düngen. BD-Obstbauern nutzen die BD-Spritzpräparate als zusätzliche Möglichkeit, um die Lebensprozesse ins Gleichgewicht zu bringen.
  • Geschmack geht auf Kosten des Ertrags. Der Obstbauer kann das Gleichgewicht so verschieben, dass er entweder einen besseren Geschmack oder einen höheren Ertrag erzielt. Die Produktion eines süßen, saftigen, aromatischen Apfels ist daher etwas teurer. Auf dem BD-Markt werden häufig die schmackhafteren und somit etwas teureren Früchte bevorzugt.
  • Auch immaterielle Faktoren spielen eine Rolle. Was BD-Obstbauern von anderen ökologischen Obstbauern unterscheidet, ist ihr Ausgangspunkt, dass auch immaterielle Faktoren eine Rolle spielen. Die Früchte nähren den Menschen nicht nur mit Stoffen wie Zucker und Vitaminen, sondern auch mit ihren Lebenskräften. Der Einsatz der homöopathisch wirkenden BD-Präparate ist ein Beispiel dieser immateriellen Wirkungen. Auf welche Weise dies weiterhin zum Ausdruck kommt, hängt ganz vom einzelnen Bauern ab. Der eine arbeitet mit aufmerksamer Hingabe im Obstgarten. Ein anderer reserviert eine Ecke des Obstgartens für Naturwesen. Eine spannende Frage ist es, wie sich dies letztendlich in der Produktqualität niederschlägt.
  • Grundlage ist ein lebendiger Boden. Bakterien, Schimmelpilze und Regenwürmer halten den Nährstoffkreislauf in Stand und den Boden des Obstgartens lebendig. Um der Unkrautkonkurrenz unter jungen Bäumen vorzubeugen, greift der ökologische Obstbauer zur mechanischen Unkrautbekämpfung, einer Bodenbedeckung mit Mulch oder einem wenig konkurrierenden Unterwuchs. Für das Bodenleben ist es besser, wenn der Boden unter den Bäumen bewachsen ist. Ökologische Bauern setzen im Gegensatz zu ihren konventionell arbeitenden Kollegen keine Herbizide ein. Im Herbst zerkleinern sie das gefallene Laub, so dass es sich schnell zersetzt und dem Schorfpilz wenig Überwinterungsmöglichkeiten bietet.
  • Nicht der Baum, sondern der Boden wird ernährt. Der ökologische Obstbauer düngt nicht die Bäume, sondern verbessert die Bodenfruchtbarkeit. Dadurch werden Wasser und Nährstoffe gleichmäßiger für die Bäume verfügbar, und Spurenelemente werden in natürlicher Weise erschlossen. Deshalb sind bei ökologischem Anbau ein größeres Wurzelwerk und eine innigere Verbindung zwischen Baum und Boden erforderlich. Ökologische Obstbauern nutzen ausschließlich organische Düngemittel, die zum größten Teil von ökologischen Betrieben stammen müssen und vorzugsweise kompostiert sind. Die BD-Normen sind dabei etwas strenger als die Öko-Anforderungen. Des Weiteren wird durch den Einsatz von Leguminosen wie Klee in den Grünstreifen sowie durch Gründüngung vor dem Anpflanzen der Düngerbedarf gesenkt. Die im konventionellen Obstbau übliche Gabe gelöster Mineraldünger über die Tropfbewässerung hat hier keinen Platz. BD-Obstbauern verbessern die Qualität ihres Komposts durch BD-Kompostpräparate.
  • Widerstandsfähige Sorten. Ökologische Obstbauern wählen Sorten, die möglichst widerstandsfähig gegen Krankheiten und Schädlinge sind. Vor allem Apfel- und Birnenschorf sind lästige Krankheiten. Ein polygen bedingter Resistenztyp verdient den Vorzug. Sorten, die mittels genetischer Modifikation entstanden sind, kommen im ökologischen Anbau nicht zum Einsatz. Eine große Anzahl bekannter Sorten sind wegen ihrer hohen Krankheitsanfälligkeit nicht für den ökologischen Anbau geeignet. Dies alles bedeutet, dass der ökologische Obstbauer oft auf weniger bekannte Sorten angewiesen ist, die sich weniger leicht vermarkten lassen. Eine Reihe biologisch-dynamisch arbeitender Obstbauern hat die Initiative ergriffen, selbst neue Apfelsorten zu entwickeln, die gut zur ökologischen Wirtschaftsweise passen. Dies erfordert viel Geduld: Jahrelang müssen Sorten gekreuzt, Versuchsfelder betreut und Kandidaten selektiert werden.
  • Zum ökologischen Obstbau gehören ökologisch erzeugte Jungbäume. Der konventionell arbeitende Obstbauer erhält Jungbäume, die durch den Einsatz von Hormonen schön verzweigt und durch die Anwendung von Pestiziden billig sind. Der ökologische Obstbauer verwendet weder Hormone noch Pestizide, was zur Folge hat, dass viele Bäume weggeworfen werden. Dadurch sind die Herstellungskosten eines ökologisch erzeugten Baumes für den Obstbauern beinahe zweimal so hoch, und zudem hat dieser oft weniger Seitenzweige. Wenn für die gewünschten Sorten keine ökologisch erzeugten Bäume verfügbar sind, erhält der Obstbauer die Genehmigung, konventionell produzierte Bäume zu kaufen.
  • Umweltverträgliche Hilfsmittel. Ökologische Obstbauern stützen ihre Bäume mit umweltverträglichen Materialien, wie Betonpfähle oder Pfähle aus nachhaltig erzeugtem Holz. Chemisch konserviertes Holz wird nicht verwendet. Dieselbe Sorgfalt gilt allerlei anderen Hilfsmitteln, z.B. der Verpackung.
  • Diversität. Ein konventioneller Obstgarten ist meistens eine eintönige Plantage. Ökologische Obstbauern versuchen, auf ihrem Betrieb eine größere biologische Vielfalt zu fördern. Dies kommt der Natur, aber auch der Kultur zugute. Bienen und Hummeln sorgen für die Bestäubung der Obstblüten. Insektenfressende Vögel, Schlupfwespen und Ohrwürmer spielen eine bedeutende Rolle in der Dezimierung schädlicher Insekten. Blumen, Streu, Nistkästen und beerentragende Sträucher bieten diesen natürlichen Feinden eine einladende Umgebung. Insekten und Vögel bringen auch das tierische Element in den Obstgarten und verbinden diesen mit der umringenden Landschaft. Um Diversität bemüht man sich auch durch die Schaffung unterschiedlicher Qualitäten oder Sphären (Erde, Wasser, Luft, Feuer) auf dem Betrieb; diese tragen zur Lebendigkeit bei.
  • Betrieb als zusammenhängendes Ganzes. BD-Obstbauern versuchen, ihren Betrieb so einzurichten, dass er ein zusammenhängendes Ganzes bildet und eine eigene Identität entwickelt. Dies bedeutet zum Beispiel, dass eine klare Umgrenzung vorhanden ist; die einzelnen Betriebsteile unterstützen einander und das Ganze wird weniger anfällig für die Launen des Marktes oder des Wetters. Es wird dann von einem "Betriebsorganismus" gesprochen. Die eigene Identität des Betriebes drückt sich im Logo aus, in der Website, in den Tagen der offenen Tür und in den Erzeugnissen. Die Betriebsleiter sind die Regisseure des Ganzen.
  • Gesellschaftliche Bedeutung. Zahlreiche BD-Betriebe produzieren nicht nur hochwertige Nahrung, sondern erlangen eine weiter reichende Bedeutung durch die Aufnahme pflegebedürftiger Personen, Freizeit- und Bildungsaktivitäten, Naturpflege usw. Bürger bekommen auf diese Weise wieder ein Verhältnis zur Nahrungsmittelerzeugung und zur Tragfähigkeit der Erde. Die Landwirtschaft kann ihre einstige kulturelle Bedeutung für die Gesellschaft wiedererlangen.
  • Freier Boden und fairer Handel. Die hohen Boden- und niedrigen Nahrungsmittelpreise haben zu einer weitgehenden Industrialisierung der Landwirtschaft geführt. Boden, Pflanze, Tier, Mensch und Umwelt werden dadurch ausgebeutet. Eine Reihe von BD-Obstbauern suchen aktiv nach neuen sozioökonomischen Formen durch den Freikauf von Boden aus dem Privatbesitz, durch die Vereinbarung von Mindestpreisen und durch die Beteiligung von Bürgern am Risiko. Auf diesem Gebiet gibt es noch viel zu tun.
  • Menschen entwickeln sich durch ihre Arbeit. In der BD-Landwirtschaft spielt die Entwicklung des Menschen eine zentrale Rolle. Gerade die Schwierigkeiten, mit denen jeder Einzelne bei der Arbeit konfrontiert wird, bieten Anknüpfungspunkte zur Weiterentwicklung von Fähigkeiten und Erkenntnissen. Rudolf Steiner, Begründer der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, hat einen entsprechenden Schulungsweg beschrieben. Dieser wurde inzwischen mit zahlreichen weiteren Entwicklungsmöglichkeiten ergänzt, die einen tieferen Einblick in die materielle wie auch die immaterielle Seite des Lebens ermöglichen. BD-Obstbauern können teilnehmen an Studientagen, Coaching usw. Es läuft ein Versuch, bei dem Kollegen bei einander beurteilen, ob ihr Betrieb es würdig ist, die Demeter-Marke zu führen.

Sicht auf BD-Obstqualität
Über die Frage, was biologisch-dynamisch erzeugtes Qualitätsobst ist, woran sich diese Qualität ablesen lässt und wie sie im Obstbau erzeugt wird, wurde bereits viel diskutiert. Und immer noch sind viele Fragen offen. Manche Menschen beschränken sich dabei auf die Qualität des verkaufbaren Obstes. Andere beziehen auch den gesamten Produktionsbetrieb, die Vorgehensweise und den Einfluss auf die Gesellschaft mit ein. Letzteres ist berechtigt, doch gehen wir hier nicht darauf ein. Produkteigenschaften wie Fruchtgröße, Makellosigkeit, Schalenfarbe, Lagerfähigkeit und Geschmack sind sowohl für den konventionellen als auch für den biologischen und den BD-Obstbau wichtige Eigenschaften. Dafür gibt es gute Messmethoden.
Die postulierte Vitalität oder Lebenskraft der Früchte lässt sich dagegen schwer erfassen, da der Begriff noch nicht genügend geklärt ist und man leicht in die Falle eines Zirkelschlusses tappt. Mehrere Forscher studieren derzeit unterschiedliche experimentelle Methoden wie einfühlende Beobachtung, Kristallisationen, Chromas, Steigbilder und Bildekräfte und nehmen am Pilotprojekt der Fachgruppe teil.

Eine der Fragen zum Thema Qualität, die BD-Obstbauern beschäftigt, betrifft den möglichen Einfluss der Baumform auf die Produktqualität. Verleiht ein größerer, freistehender Baum mit mehr Wurzeln dem Apfel mehr Vitalität oder Eigenheit als ein kleinerer Baum, der in einer Reihe, verbunden mit anderen Bäumen, wächst? Macht es etwas aus, ob ein junger Baum so früh wie möglich trägt oder erst einige Jahre nur wächst? Macht sich der Unterschied zwischen Jungbäumen aus biologisch-dynamischer und solchen aus konventioneller Anzucht später in der Produktionsphase noch bemerkbar? Macht es etwas aus, ob ein Apfelbaum einen deutlichen, senkrechten Stamm hat oder im Gegenteil aus einem Kreis gleichwertiger Seitenzweige aufgebaut ist? Wie wir an diesen Fragen arbeiten, erfahren Sie in der Beschreibung des Projektes; klicken Sie dazu hier.

Joke Bloksma, März 2010

 

 

 

Seite zuletzt geändert am: 2013-07-22

 

 

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